Christoph Jentzsch: „Ich bin Bitcoin-Fan, aber Ethereum ist trotzdem besser“


Dezentral, sicher, aber langsam: Für Ex-Ethereum-Entwickler Christoph Jentzsch steckt die Blockchain voller Möglichkeiten. Bis wir sie alle nutzen können, ist aber noch eine Menge Arbeit nötig. Ein Interview über technische Versäumnisse, unbeabsichtigte Kurssteigerungen und Konkurrenten.

Von Nadine Graf

Christoph Jentzsch war beteiligt an der Geburt einer der bislang erfolgreichsten Blockchains: Ethereum. 2014 und 2015 arbeitete er als Entwickler mit an dem Netzwerk. Seitdem hat sich Ethereum stark verändert, nicht zuletzt durch sein Mitwirken. Schließlich war Christoph der Kopf hinter The DAO, jener Dezentralen Autonomen Organisation (DAO), die das Netzwerk 2016 zur Aufspaltung zwang.

Ethereum hat sich verändert, die Welt drum herum ebenfalls. Jentzsch blieb überzeugt: Ethereum und Co sichern unsere finanzielle Freiheit und könnten uns im Fall einer weiteren Bankenkrise Zuflucht gewähren. Aber ist die Technologie wirklich schon so weit? Wir haben mit dem Ethereum-Experten gesprochen.

Woher kommt deine Faszination für Ethereum?

Christoph Jentzsch: Mich begeistert vor allem, dass dadurch digitales Eigentum möglich ist. Bitcoin hat als erstes gezeigt, dass ein dezentrales Konzept Geld erzeugen kann. Das war vorher völlig undenkbar. Mit Ethereum ist noch mehr möglich, denn die Blockchain-Technologie ist nicht nur auf Geld anwendbar, sondern auch auf alles andere. Token können alle möglichen Gegenstände und Produkte repräsentieren – selbst Unternehmen kann ich damit organisieren.

Bitcoin ist echtes, digitales Gold.

Wenn Ethereum so viel mehr kann als Bitcoin, warum brauchen wir Bitcoin dann noch?

Ich mag Bitcoin sehr! Ich bin wahrscheinlich der größte Bitcoin-Fan im Ethereum-Space. Bitcoin ist echtes, digitales Gold. Es war die erste Generation von Blockchains und hat technisch starke Einschränkungen, ist zum Beispiel gar nicht skalierbar. Aber gegenüber Ethereum hat es auch einen großen Vorteil: Das Bitcoin-Protokoll ist abgeschlossen und unveränderbar. Diese Unveränderbarkeit macht den Wert von Bitcoin aus. Außerdem hat Bitcoin mit dem anonymen Erfinder Satoshi Nakamoto eine magische Entstehungsgeschichte.

Bitcoin ist als eine Konkurrenz zu staatlichen Währungen und dem Bankensystem angetreten. Findest du das gut?

Ich bin kein Anarchist, aber meine Eltern und Großeltern wurden aus verschiedenen Gründen oft von der Regierung benachteiligt und mussten sich gegen den Staat wehren. Deswegen bin ich skeptisch gegenüber zu starker Staatsmacht, die sich in das Privatleben einmischt und übergriffig wird. Ein hohes Gut ist unsere finanzielle Freiheit. Das meint an wen ich will, wann ich will, Geld überweisen zu können, ohne persönliche Sanktionen. Hinzu kommt ein Misstrauen gegenüber Banken, weil ich da nicht mehr selbst über mein Geld entscheide, sondern es in fremde Hände gebe.
Ich sehe Bitcoin und Ethereum nicht als Antwort auf dieses Problem, aber sie geben uns die Möglichkeit, selbst Kontrolle über unsere Vermögenswerte zu haben und Banken nur zu nutzen, wenn es sein muss.

Du warst von Mitte 2014 bis Ende 2015 an der Entwicklung von Ethereum beteiligt. Welches Ziel hattet ihr damals im Kopf?

Wir wollten eine Plattform für dezentrale Applikationen bauen. Die Währung Ether brauchten wir, damit das funktioniert, sie stand für uns aber nicht im Fokus. Viele Spekulanten haben sie aber für sich genutzt und auf Wertsteigerung gewettet. Ether sollte Ultra Sound Money, also sehr wertstabiles Geld, sein und Bitcoin als digitale Währung ablösen – dieses Narrativ kam nicht von uns Entwicklern.

Aus Zeitnot haben wir Proof-of-Work genommen.

Was hat euch stattdessen damals beschäftigt?

Wir wollten damals schon Proof-of-Stake als Konsensmechanismus verwenden. Aus Zeitnot haben wir Proof-of-Work genommen, was aber mehr Energie verbraucht und weniger kann. Naiverweise dachten wir damals, dass wir es in einem Jahr hinkriegen würden, zu Proof-of-Stake zu wechseln.


                            Ex-Ethereumentwickler Christoph Jentzsch

                            Arbeitet heute daran, Unternehmen zu

                            tokenisieren

Wie war diese Anfangszeit bei Ethereum?

Das war eine gute Zeit. Wir waren alle extrem begeistert und ideologisch angetrieben, aber schlecht organisiert. Das Team war sehr verteilt, also auch dezentral. Ich arbeitete freiberuflich im Homeoffice und fuhr alle zwei Wochen ins Büro nach Berlin. Die Ethereum Foundation saß in der Schweiz, weitere Teams in London, Amsterdam und Kanada.
Es gab nicht viele Strukturen oder Hierarchien, keinen Product-Manager. Wir hatten zwar eine Roadmap, wie Ethereum entwickelt werden sollte, aber die wurde nicht stringent umgesetzt. Wir waren alle loosly connected people, heading in the same direction.

Wo steht Ethereum jetzt?

Ich glaube, dass das Ethereum-Kernprotokoll, die Layer1, noch zwei bis fünf Jahre davon entfernt ist, fertig zu werden. In der Softwareentwicklung gibt es eigentlich kein „fertig“. Es gibt normalerweise nur Protokolle, die so gut sind, dass sie kaum noch verändert werden müssen. Beim Protokoll für das Versenden von E-Mails, SMTP, ist das zum Beispiel so und bei Bitcoin ebenfalls.
Perfekt wird also auch Ethereum niemals sein, aber zumindest so gut, dass das Kernprotokoll unverändert bleibt und es Änderungen nur noch auf dem darüberliegenden Layer2 gibt.

Was erwartet uns also in den kommenden Jahren?

Dem Kernprotokoll fehlen noch ein paar wichtige Features wie das Sharing, das Ethereum skalierbarer macht. Die Idee war schon zu Beginn da, nur noch nicht unter diesem Namen. Was Ethereum angeht, bin ich langfristig super bullish. Dass es kurzfristig in den nächsten Jahren hoch und runter geht, ist ganz normal.

Mittlerweile gibt es viele andere Smart-Contract-Netzwerke wie Solana, die als „Ethereum-Killer“ angetreten sind. Warum haben sie Ethereum trotzdem noch nicht überholt?

Das sind alternative Layer1-Chains, von denen es viele schlechte und ein paar gute gibt. Aber noch keiner kommt annähernd an das heran, was Ethereum erreicht hat. Es gibt das Blockchain-Trilemma: Skalierbarkeit, Dezentralität und Sicherheit. Man kann nicht alles gleichzeitig erreichen. Deswegen positionieren sich die Chains an den verschiedenen Ecken und haben unterschiedliche Vor- und Nachteile, die für verschiedene Anwendungsfälle relevant sind.
Ethereum ist sehr dezentral und sicher, dafür wenig skalierbar. Daran arbeiten wir mit dem Sharding und Layer2. Da steckt ganz viel harte Entwicklungsarbeit dahinter.

Wo steht zum Beispiel Solana?

Solana ist weniger dezentral, weil es auf nur wenigen Servern läuft. Das ist nicht per se schlecht, nur anders und muss transparent sein. Technisch interessant sind auch Lösungen wie Cosmos, Polkadot oder Internet Computer. Trotzdem haben die anderen Chains keine so hohe Legitimität wie Bitcoin oder Ethereum. Sie sind die Originale und es herrscht das Vertrauen, dass sich das Protokoll nicht morgen einfach ändern wird. Dieses Vertrauen in die Marke haben Ethereum-Killer nicht.

Welche Probleme hat Ethereum aktuell?

Dass so viel Müll und Spekulationen rund um Ethereum kursieren. Die Öffentlichkeit hat ein eher negatives Bild von Ethereum und Blockchains. Das ist ein großes Branding-Problem. Ethereum ist ein permissionless, also zugangsfreies Ökosystem. Niemand kontrolliert, wer etwas auf Youtube über Ethereum sagt, sich als Experte oder Vertreter ausgibt. So etwas könnte bei einer Marke wie Apple nicht passieren. Blockchains werden auch mit Betrug in Verbindung gebracht. Das wird der Ideologie und den Menschen, die es bauen, nicht gerecht. Aber leider gibt es dafür keine Lösung, das ist ein Ruf, mit dem wir leben müssen.

Die ganzen Möglichkeiten der Blockchains und der Umgang damit sind für viele überfordernd und schwer zugänglich.

Ja, aber ich glaube, dass wir in Zukunft Web3-Applikationen viel natürlicher nutzen werden als heute. Der Umstieg von der Plattformökonomie im Web2, wie wir sie heute kennen, hin zum dezentralen Web3 ist schwer. Das Web3 zu nutzen aber nicht. Jemand, der noch nie mit dem Internet in Berührung kam, wird sich im Web3 schneller zurechtfinden als im Web2. Denn eine Wallet einzurichten geht schneller, als sich Google-Account und Co zuzulegen, also von Grund auf neu in die verzahnten Plattformen einzufinden.
Außerdem verlieren die großen Social-Media-Plattformen gerade an Vertrauen, das könnte ein Tippingpoint sein für die Blockchain-Industrie. Und es brodelt in der Bankenwelt gerade so sehr, dass sich bei einem erneuten Crash auf dem Finanzmarkt und Hyperinflation noch mehr Menschen in Krypto flüchten könnten.

Krypto als Zuflucht in Fall einer erneuten Bankenkrise: Sind wir dafür überhaupt bereit?

Das Onboarding müsste noch einfacher funktionieren und Wallets ohne zentrale Anbieter als Gatekeeper und Know-your-customer-Prozesse auskommen. Nicht, dass ich etwas gegen den Prozess hab, aber dadurch kann der Staat mehr kontrollieren.
Ich wünsche mir eine sanfte Evolution und keine harte Revolution oder einen Systemumsturz mit schlimmen Nebenwirkungen. Den Bürgern sollte einfach bewusst sein, dass es eine Alternative zum Bankensystem gibt: Blockchains sind eine Möglichkeit, Dinge direkt zu besitzen, ohne Intermediär. Das System ist da und funktioniert.


Schreibe einen Kommentar